Bewusst gedemütigt

Der Wehrbeauftragte des deutschen Bundestags vermeldet erhebliche Spannungen beim Einsatz deutscher Soldaten im angeblich befreundeten NATO-Land Türkei. Tätliche Angriffe, zurückgehaltene Feldpost, Kontaktsperre zu den türkischen Kameraden, extrem verdreckte Toiletten und ein generell unfreundliches Verhalten.

In den vergangenen Wochen haben die Soldaten vor Ort einen regelrechten Gefechtsfeldtourismus erlebt, mit dem Verteidigungsminister und der Bundeskanzlerin waren höchste Vertreter des Entsendestaates im türkischen Iskenderum.

Es wäre interessant zu wissen, ob diese hochrangigen Politiker von den militärischen Führern vor Ort über die Zustände informiert wurden. Wenn nein, wäre das Feigheit der Führung – wieder mal. Wenn ja, darf gefragt werden, weshalb der Verteidigungsminister nicht augenblicklich im Sinne „seiner“ Soldaten von seinem türkischen Amtskollegen Rechenschaft & Abhilfe gefordert hat.
Stattdessen darf der Wehrbeauftragte – eine Art lebender Soldaten-Kummerkasten und spezifisch deutsche Institution- das Thema an die Öffentlichkeit tragen, obwohl Außenpolitik gar nicht zu seinen Aufgaben zählt.

Die offene Demütigung der deutschen Soldaten enthüllt schlaglichtartig einen Blick auf die massiv verschobenen Gewichte zwischen der ehemaligen Großmacht Deutschland und der neuen Großmacht in Vorderasien.
Noch im I. Weltkrieg stand die Türkei militärisch an der Seite Deutschlands und Österreichs, das Verhältnis war von gegenseitigem Respekt geprägt. Im II. Weltkrieg hat sich die Türkei trotz massiven Drucks von Seiten der Alliierten fast bis zuletzt neutral verhalten.

Es offenbart sich aber mehr, als nur die Herabwürdigung von Verbündeten, die man ins Land gefordert hat, obwohl ein Angriff auf das eigene Hoheitsgebiet extrem unwahrscheinlich ist.

Man ist in der Türkei sehr genau über den Zustand der deutschen Gesellschaft und Armee im Bilde. Und was sie sehen ist Verfall und Schwäche auf allen Ebenen.
Während die Türkei ihre Bevölkerungszahl in den letzten 40 Jahren mehr als verdoppelt hat, importiert Deutschland seit mittlerweile 5 Jahrzehnten Menschen, darunter 3 Millionen Türken. Türken-Premier Erdogan kann sich im Zweifel der Loyalität dieser deutschstämmigen Türken bewusst sein, auch wenn deren Eltern schon in Köln oder Berlin geboren wurden.

Die Bundeswehr ist zudem keine Armee mehr, sondern bestenfalls noch eine Miliz mit Flugzeugen. Von der deutschen Politik sind es die Soldaten mittlerweile gewohnt, in arroganter Art und Weise herumgeschubst zu werden. Feige Führung, Soldaten ohne Selbstbewusstsein. Warum nur sollten da die Türken Respekt haben?

Was würden die Türken in umgekehrter Situation tun? Dazu ist ein Perspektivwechsel hilfreich. Erdogan könnte auf parteiübergreifenden Rückhalt zählen. Scharfe diplomatische Töne würden angeschlagen, der Rückzug eingeleitet.

Die Türken haben (erfolgreich!) gefordert, dass beim Besuch von de Maizière deutsche Flaggen abgehängt wurden. Was wäre im umgekehrten Falle geschehen? Man kann davon ausgehen, dass die Türken zur Verteidigung von Fahne und Vaterland umgehend zu den Waffen gegriffen hätten. Zu Recht, weil der Ehrbegriff in der Türkei eben intakt und vital ist.

Die Türkei ist zurück auf der Weltbühne, Deutschland verschwindet. Physisch, geistig und auch geistlich.
Man darf gespannt sein, wer sich traut, das Verhalten der Türken zaghaft zu kritisieren.

Vielleicht Herr Westerwelle, der doch vor einer Woche mehr Tempo beim Türkeibeitritt zur EU gefordert hat?

Sicher ist, dass niemand die einzig logische Konsequenz ziehen wird: Den sofortigen Abzug. Denn die Türken sind ja schließlich unsere Freunde, nicht wahr?