Historische Chance – vertan

Auf einem Obsthain in der Mitte Europas stehen vier, fünf Obstbäume. Alle Alt, verknöchert, von schweren Krankheiten befallen. Deren Obst ist recht wurmig, alle Äpfel schmecken zudem gleich. Da pflanzt ein Gärtner  auf einem großen freien Platz einen neuen Baum in die Erde. Die Saat geht schnell auf, der junge Baum trägt erste Früchte. Da entdeckt der Gärtner ein paar faule Äpfel am ansonsten jungen Baum. Er sieht sein gelungenes Werk nicht mehr, sondern nur noch die faulen Äpfel. Voller Wut reißt er den jungen Baum aus der Erde und zertritt die Reste.

So könnte man Mitbegründer und mediales Gesicht der Alternative für Deutschland, Bernd Lucke, wohl charakterisieren.

Die Alternative für Deutschland ist vor zwei Jahren mit einem Donnerknall in die deutsche Parteienlandschaft eingetreten und hat für Sorgenfalten in den Gesichtern der altgedienten politischen Eliten gesorgt. Die FDP ist gar zeitweise ganz in der Versenkung verschwunden.

Der nach kurzer Schockstarre einsetzenden massiven Zersetzungsarbeit von Politik & Medien hat sich ein rhetorisch begabter Bernd Lucke ausgesetzt. Derlei nicht gewohnt (wer ist das schon?), zeigte die Wühlarbeit der Zeitgeist-Medien bald Wirkung.
Sein sprachlicher Ausrutscher von der „Entartung der Politik“ –so richtig diese Metapher auch war-  und dem anschließenden konzertierten Bashing hat tiefe Spuren hinterlassen.

Seitdem hat Lucke praktisch keine politischen Impulse mehr gesetzt, sondern nur noch peinlich genau darauf geachtet, dass kein Parteimitglied mehr gegen die ungeschriebenen Regeln der Political Correctness verstößt, die er Monate zuvor noch selbst angeprangert hat.
Lucke hat also nur noch mitgeteilt, was er nicht will. Und nicht wollte er neben dem EURO irgendein Thema setzen, dass der Basis unter den Nägeln brannte. Im Kreise derer, mit denen er eigentlich zusammenarbeiten sollte, zeigte er bald autokratische Züge und fiel in gewohnte Verhaltensmuster zurück. Im Grunde wollte er bald gar keine selbstständig denkenden Anhänger, sondern nur Huldiger, wie er es eben vom Hörsaal seiner Hamburger Universität kannte.

Noch Anfang des Jahres schien er damit Erfolg zu haben. Er konnte seine Vorstellungen praktisch auf ganzer Linie durchsetzen, aber nur unter dem hörbaren Grollen der Basis.

Der frisch ins Amt gewählte thüringische AfD-Fraktionsvorsitzende Höcke hat seinen ihm zugewachsenen Einfluss dann augenblicklich dazu genutzt, mit Hilfe seiner Erfurter Resolution den sowieso schon tiefen Spalt in der Basis zu vergrößern. Es war nichts anderes, als ein vor Lucke hingeworfener Fehdehandschuh.
Für die Mainstream-Medien ein gefundenes Fressen! Zurecht erledigt war er dann, als er sich von einem Journalisten zur NPD befragen ließ und sich nicht eindeutig abgrenzte.

Frauke Petry, die dritte Mitspielerin im Poker um die AfD hat sich dezent herausgehalten, was für Lucke bedeutet: Gegnerin. Mittlerweile ist sie sein Hauptfeind und sie hält sich tapfer. Im Grunde ist sie die letzte Hoffnung einer AfD, deren Mitglieder sich mehrheitlich bürgerlich-konservativ verordnen. Weiterexistieren wird die AfD nach diesem Machtkampf nur noch unter anderer Bezeichnung, der dann vielleicht auch die politische Richtung im Namen trägt. Ob es über eine bloße Existenz hinausläuft, ist aber äußerst fraglich, wohl aber zu hoffen.

Das vor kurzem noch vibrierende Projekt AfD aber ist unrettbar zerstört. Gescheitert am Egoismus und der Kompromisslosigkeit seiner führenden Protagonisten und auch seiner Mitglieder, denen nicht wenige der Kategorie Querulanten, Besserwisser oder schlicht Idioten zuzurechnen sind. Allerdings – und das kann auch Lucke nur noch bedingt hintertreiben- bleiben auch Netzwerke, die wieder aktiviert werden können.
Es ist tragisch, dass ausgerechnet bürgerliche Parteineugründungen immer wieder an ihren Gründern scheitern. Der Bund Freier Bürger, die Schill-Partei sind „Vorbilder“ bei diesem Trauerspiel. Vielleicht fehlt es bürgerlichen Parteien gerade am ideologischen Lagerfeuer anderer Parteien, an dem sich verfeindete Parteifreunde immer wieder wärmen können.

Zurück bleibt ein großer politischer Block, der auf der politischen Bühne nicht nur nicht vertreten ist, sondern von einer Junta auf dem überfüllten linken Flügel nach Belieben über dieselbe getrieben werden wird.

Eine historische Chance ist -mutwillig!- vertan.